Was ist meine Sehnsucht?
Was ist meine Aufgabe im Universum?
Was ist mein unverzichtbarer Impuls, heute?
Dr. Julian Nida-Rümelin hat den Lehrstuhl für Philosophie der Ludwig-Maximilians- Universität inne. Er war u.a. Kulturreferent der Landeshauptstadt München und als Kulturstaatsminister im ersten Kabinett Schröders Mitglied der Bundesregierung. Mit dem Verhältnis von Ökonomie und Ethik beschäftigt er sich seit vielen Jahren. 2011 erschien sein Buch „Die Optimierungsfalle. Philosophie einer humanen Ökonomie“.
E&A im Gespräch mit Julian Nida-Rümelin.
E&A: An den Beginn Ihres kürzlich erschienen Buchs „Die Optimierungsfalle“ stellen Sie ein Statement des britischen Historikers Tony Judt, in dem er konstatiert: „Irgendwas ist grundfalsch an der Art und Weise, wie wir heutzutage leben. Seit dreißig Jahren verherrlichen wir eigennütziges Gewinnstreben. Wenn unsere Gesellschaft überhaupt ein Ziel hat oder hatte, dann ist es die Jagd nach dem Profit.“ In Ihrem Buch legen Sie dar, wie dieses einseitige Streben nach Gewinnmaximierung zur Deformation einzelner und zur Verelendung vieler, zum Raubbau an der Natur sowie zur Weltwirtschaftskrise führte. Was ist schief gelaufen? Und was sollten wir aus Ihrer Sicht verändern?
J.N.R.: Zu allen Zeiten haben Menschen versucht, möglichst gute Produkte möglichst preiswert zu erwerben. Viele haben auch versucht, aus ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit einen Gewinn zu schlagen. Dagegen gibt es gar nichts einzuwenden. Problematisch wird es dann, wenn das zur allgemeinen Weltanschauung wird. Das heißt, wenn die Botschaft lautet, dass erstens das gesamte menschliche Leben nach dem Modell eines ökonomischen Marktes organisiert sein sollte und zweitens der Markt moralfrei ist. Dann wird postuliert, dass man auf den Märkten alles vergessen kann, was man sonst als anständiger Mensch berücksichtigt: zum Beispiel ehrliche Kommunikation und Kooperationsbeziehungen, die von Respekt und Verlässlichkeit geprägt sind.
E&A: Auf welchem Menschenbild basiert Ihre Philosophie einer humanen Ökonomie?
J.N.R.: Ich glaube, dass wir sowohl für unsere Praxis wie für unsere Überzeugungen in der Regel Gründe haben. Ich denke, dass wir in der Regel so handeln, wie wir es selbst für vernünftig halten. Das heißt, wir sollten uns nicht auf einen Homunculus reduzieren, einen Menschen, der ausschließlich wie eine Maschine im Getriebe funktioniert und versucht, bestimmte Ziele, die vorgegeben sind, mit bestimmten Ressourcen, die ebenfalls vorgegeben sind, auf möglichst effiziente Weise zu erreichen. Es ist auch interessant, in dem Zusammenhang darauf hinzuweisen, dass mit Versuchen, Menschen kleinteilig zu steuern und zum Beispiel durch Incentive Programme Anreizsysteme zu schaffen, meistens nicht die Ziele erreicht werden, die man mit ihnen verfolgt. Die Menschen müssen intrinsisch motiviert sein. Sie müssen den Eindruck haben, dass das, was sie tun, auch sinnvoll ist und dass dahinter Wertungen stehen, die man teilen kann.
E&A: Eine starke Fokussierung auf die Gewinnmaximierung hat auch Folgen für das Arbeitsklima in Unternehmen. Nicht selten wird hoher Druck erzeugt und Angst macht sich breit. Dies führt immer häufiger zu Burnout-Syndromen. Wie könnte ein Gegenentwurf aussehen?
J.N.R.: In meinem Modell einer humanen Ökonomie geht es mir in erster Linie darum, eine Alternative zu der die letzten dreißig Jahre dominierenden Weltanschauung oder auch Ideologie der Gewinnmaximierung zu entwerfen. Vertreter dieser Position gehen davon aus, dass es rational ist, ausschließlich sein Eigeninteresse zu optimieren. Rücksichtnahme, Langfristigkeit, Kooperationsbeziehungen, das alles mag irgendwo eine Rolle spielen,ist aber ökonomisch gesehen irrational. Diese Haltung hat auch sehr stark die Ausbildung in den ökonomischen Disziplinen geprägt. Und wenn das die einzige Sicht ist, die vermittelt wird, dann muss man sich nicht wundern, dass sich nach einer gewissen Zeit die Praxis verändert. „Die Optimierungsfalle“ habe ich vor dem Hintergrund jahrelanger Forschung über die Rationalitätstheorie geschrieben. Wenn man die gegenwärtige Situation in diesem Kontext betrachtet, stellt sich heraus, dass gerade die Spieltheorie und die Entscheidungstheorie deutlich machen, dass die Vorstellung von jeweils ihr Eigeninteresse optimierenden Individuen nicht nur inhuman ist, sondern auch gar nicht funktionieren kann. Das heißt, wir sind darauf angewiesen, dass wir uns an Regeln halten, dass wir verlässliche Akteure sind, dass wir im Prozess unserer Persönlichkeitsbildung bestimmte Tugenden entwickeln. Erfahrene Personalleiter in den Unternehmen wissen auch, dass es ohne diese nicht geht. Deswegen sollten wir diese einseitige Indoktrination beenden und die Menschen mit ihren Wertungen und ihren moralischen Haltungen auch in der ökonomischen Praxis als ganze Menschen wahrnehmen. Damit können wir einen Beitrag zur Humanisierung der ökonomischen Praxis leisten.
E&A: Das heißt, Führungskräfte können durch ihre Haltung die Arbeitsatmosphäre prägen und tragen Verantwortung als Multiplikatoren?
J.N.R.: Ja, das ist ein Ethos der Führungsverantwortung, da die Führungspersönlichkeiten die Bedingungen gestalten, unter denen die Praxis abläuft. Zudem sind sie mit ihrer Praxis wiederum Vorbild für andere.
E&A: Welches Lebensgefühl geht mit Ihrem Tugendkonzept einher? Sie entwerfen ein Modell, das Wahrhaftigkeit, Vertrauen und Verlässlichkeit als Basis für angstfreie Kommunikation und Kooperation in den Mittelpunkt rückt. Wie verhalten sich in diesem Zusammenhang die Emotionen zur Vernunft?
J.N.R.: Das ist ein wichtiger Punkt, der eine Frage an die praktische Philosophie generell formuliert. Damit habe ich mich intensiv auseinandergesetzt, vor allem mit der Frage, ob wir für unsere Emotionen Verantwortung tragen oder ob sie einfach gegeben sind. Und der Grundansatz der Philosophie, die ich in diesem Kontext im Laufe der letzten Jahre und Jahrzehnte entwickelt habe, ist eine Position, die sich sowohl gegen den Rationalismus als auch gegen die Postmoderne wendet. Einerseits können wir nicht alles auf irgendwelche Prinzipien zurückführen oder daraus ableiten. Es gibt keine absolute Rationalität. Andererseits ist es auch nicht sinnvoll, wie die Vertreter der Postmoderne davon auszugehen, dass alles Spiel und Konstrukt ist. Ich plädiere für einen Mittelweg, eine Integration von Gefühl und Vernunft. Wir sind insofern vernünftige Wesen, als wir uns von Gründen leiten lassen. Handlungsgründe im Sinne ethischer Präferenzen, wie zum Beispiel der Schutz von Grundrechten oder die Solidarität, spielen eine Rolle dafür, was wir tun. Sie spielen aber auch eine Rolle für unsere Wünsche und für unsere Emotionen. Es gibt durchaus Gefühle, die irrational sind. Zum Beispiel, wenn man jemanden hasst, aber den Grund dafür nicht angeben kann. Das wäre ein Gefühl, das nicht gerechtfertigt ist. Aber durch unsere Fähigkeit zu reflektieren, sind wir in der Lage unsere Gefühle aufgrund von Einsichten zu modifizieren. Das macht uns zu vernünftigen Akteuren. Diese Fähigkeit, Distanz zu sich selbst zu nehmen und zu sagen, bestimmte Dinge sind nicht in Ordnung, ändert auch unsere emotionalen Zustände. Diese Fähigkeit auszubilden, das heißt, Gründe abwägen zu können und Urteilskraft zu entwickeln, sollte ein vorrangiges Bildungsziel sein. Es ermöglicht jungen Menschen, Entscheidungsstärke zu entwickeln und sich nicht immer danach zu richten, was gerade erwartet wird. Fehlt einem diese Stärke, läuft man Gefahr, sich am Ende wie ein Chamäleon immer anzupassen.
E&A: Was macht Sie glücklich?
J.N.R.: Ich glaube, Glück im antiken Sinne von Eudaimonia ist kein Zustand der Seligkeit, sondern eher eine Aktivität. Eine Praxis, die einem das Gefühl gibt, mit sich im Reinen zu sein, bei sich selbst zu sein. Das beinhaltet durchaus auch die Erfahrung, sich selbst dabei zu vergessen, weil die Praxis so wichtig ist, dass man als Person selbst nicht mehr im Vordergrund steht. Das halte ich für die eigentlichen Bedingungen eines gelungenen Lebens. Seligkeit im Sinne einer Glückseligkeit ist für mich kein wichtiges Ziel. Ich habe nichts gegen Erholung in einem Wellness-Studio – das ist wunderbar! –, aber es ist nicht das, was dem Leben dauerhaft Struktur gibt und ihm eine innere Stimmigkeit verleiht.
Das Gespräch führte Doris Lösch.
|
|
